Die Farbe Kirgistans

In diesem Sommer verbrachte ich mit meiner Familie zwei Wochen in der Heimat meines Vaters. Diese Reise führte uns nach Mittelasien in das kleine, unscheinbare Kirgistan. In diesem Beitrag stelle ich dir die Landschaft dieses Gebirgslandes, das zwischen Kasachstan und China liegt und vor allem durch die Gebirge Tienschan und Pamir dominiert wird, vor.

Kein klassischer Reisebericht

Bei diesem Beitrag handelt es sich nicht um einen chronologischen Reisebericht. Bilder, die hier zusammengehörig scheinen, sind teilweise nicht am gleichen Tag entstanden. Einigen Fotografien fehlen Ortsangaben oder sie sind nur schwammig mit „in den Bergen“ oder „in der Ebene“ angegeben. Dieser Beitrag will keine Fakten aufzählen und Informationen vermitteln. Stattdessen stellt er persönliche Eindrücke vor. Deswegen ist er so gegliedert, wie mir das Land in Erinnerung geblieben ist: Mit all seinen Farben, denen ich die Bilder zugeordnet habe.

Dass die Beschreibungen dabei durchweg positiv scheinen, soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass weder das Leben noch das Reisen in diesem Land einfach sind.
Es gibt viel Armut, die Infrastruktur ist mangelhaft und ich, als Mitteleuropäerin durch und durch, habe mehr oder weniger einen Kulturschock erlitten. Das mag am Essen und der Esskultur gelegen haben, an den holprigen Straßen, über die unser russischer Reiseführer uns zwar sicher, aber nicht ohne wacklige Knie und flaues Gefühl im Bauch, kutschierte und nicht zuletzt an der anhaltenden Trockenheit und Hitze.

Diese Reise war ein Auf und Ab der Gefühle. Doch neben den Enttäuschungen und negativen Überraschungen gab es natürlich jede Menge Lichtblicke und positive Eindrücke. Kirgistan ist ein wunderbares, vielseitiges Land, landschaftlich sehr attraktiv und wenig touristisch erschlossen. Es gibt viel zu entdecken und zu staunen. Diese Eindrücke sind es, die ich in diesem Beitrag mit Dir teile.

Grau verschleiert

Nach unserer Ankunft machten wir uns zuerst auf in Richtung der Ortschaft Burana, um von einem zwanzig Meter hohen Turm einen ersten Ausblick auf die kirgisische Landschaft zu erhaschen. Die war jedoch mit einem Nebelschleier überzogen, der Felder und ferne Berge in ein blasses, graues Farbkleid tauchte.

Burana: Blick auf Felder und Berge
Auch bei trübem Wetter war die typische Landschaft der kirgisischen Ebene zu erkennen: Ein Flickenteppich aus Feldern, gespickt mit Pappeln.

Am nächsten Tag, der uns hinauf in das Hochtal Tschong Kemin führte, war es noch immer trüb und der Anblick der Landschaft täuschte schnell über die tatsächlichen, hohen Temperaturen hinweg.

Straße durchs Gebirge
Angekommen auf 2200 Metern Höhe wurde es tatsächlich etwas frischer – und die Aussicht trotz diesigen Wetters noch spektakulärer.

 

Zwischen enzianblauen Wiesen und himmelblauer Weite

Dass Kirgistan auch noch ganz andere Farben zu bieten hat, lies es uns an diesem Tag zumindest erahnen. Dafür genügte ein Blick zum Boden, wo scheu Enziane hervorblinzelten.

Enzian auf 2000 Metern Höhe

Die Ahnung auf tiefes Blau sollte sich am nächsten Morgen – und von da an jeden Tag – erfüllen: Jene Landschaft, die bisher so grau dagelegen hatte, strahlte jetzt unter einem sommerblauen Himmel.

Blick auf Gebirgskette des Tien Schan
Über den Bergen hingen oft Wolken. Während wir in der Ebene schwitzten, fielen dort sicher manches Mal Regen- oder Schneeschauer zu Boden.

Wunderbar angepasst an die blaue Farbpalette war ein Kirgise, der uns auf einem Esel über den Weg ritt.

Kirgise auf Esel

Besonders beeindruckend jedoch zeigte sich die Farbe Blau in den Bergen, wo mit eisigem Gletscherwasser gefüllte Flüsse mit lautem Tosen in die Täler jagen. Die Nacht verbrachten wir dieses Mal auf zweitausendvierhundert Metern Höhe, am Ufer jener Wassermassen, deren Rauschen mich bis tief in meine Träume begleitete.

Fluss mit Gletscherwasser
Die Langzeitbelichtung lässt den wilden Fluss friedlich und gemächlich wirken.

Grüne Seele

Auf dieser Höhe fanden wir auch, was wir bei unserer Ankunft in der staubigen Ebene um die Hauptstadt Bischkek kaum erwartet hatten: Die grüne Seele des Landes. Eingebettet in engen Tälern erstrecken sich dort saftige Wiesen und Tienschan-Fichten erobern felsige Untergründe.

Tien-Schan-Fichten

Felsformation Gebrochenes Herz
Das „Gebrochene Herz“ ist eine von mehreren riesigen Felsformationen im Terskej-Alatoo-Gebirge.

Bei all dem Grün ist es kein Wunder, dass die Kirgisen seit Jahrhunderten über den Sommer hinauf in die Hochtäler ziehen. Auch heute pflegen noch einige diese Tradition und verbringen mehrere Monate im Jahr auf den Sommerweiden, den Dshailoos.

Kirgisen bei einem Fest
Auch die Pferde ziehen auf die Sommerweiden, wo man sie überall frei herumlaufend oder mit einem Kirgisen auf dem Rücken sehen kann.

Als Unterkünfte dienen in dieser Zeit die Jurten, deren gekreuzte Dachkonstruktion sogar auf der Flagge des Landes zu finden ist.

Jurte auf dem Dshailoo

Rau und sanft: Die Farbe Braun

Nach langer Reise das Tal hinunter hat mancher Fluss sein Gesicht verändert: Aus dem milchigen Blaugrau ist vielmehr ein trübes Braun geworden, das sich durch eine ebenso braune, raue Landschaft schlängelt.

Zusammenfluss
Hier mischen sich Tschong Kemin, der Schmelzwasser trägt und Tschui, der klareres Stauseewasser führt.

Auch im  Tal Kegeti beeindruckten uns einmal mehr Wucht und Wege des Wassers.

Wasserfall
Oben in den Bergen noch klar …
Fluss
… und am Ende des Tals braun und angeschwollen von all den Zuflüssen der schmelzenden Gletscher.

Seine sanfte Seite in Brauntönen zeigte uns das Land bei jeder Gelegenheit am Straßenrand. Ob zwischen Häusern im Dorf oder auf den weiten Sommerweiden: Immer und überall begegnete man neben Pferden auch Eseln, Ziegen und Kühen.

Junge mit Esel

Kalb

Zwischen rotem Gebirge und rotem Licht

Unsere Reise führte uns natürlich auch an den größten Hochgebirgssee der Welt: Der Issyk-Kul, übersetzt „warmer See“, überraschte uns am Südufer nicht nur mit einsamen Badestränden, sondern auch mit märchenhaften Gebirgsformationen im Skaskagebirge („Märchengebirge“).

Skaskagebirge

Skaskagebirge

Skaskagebirge

Skaskagebirge
Im Hintergrund zu sehen: Der leuchtend blaue Issyk-Kul und eine Gebirgskette am anderen Ufer.

Die oft roten Sonnenuntergänge warfen dieses besondere Licht auf kirgisischen Alltag und Natur: Kuhherden auf dem Heimweg, ein frecher Hirtenmaina auf dem Rücken einer Ziege und Isabellwürger im Schilf.

Kuhherde

Hirtenmaina

Isabellwürger

Kontraste und kohlrabenschwarze Nächte

Wenn die Sonne hinter den Bergen verschwand, war das Schauspiel noch nicht beendet.

Sonnenuntergang
Das letzte Licht des Tages über einem Steinfeld mit jahrtausendealten Petroglyphen.

Da, wo die Sonne verschwunden und die Lichtverschmutzung der Zivilisation kilometerweit entfernt war, wirkte der Zauber des Himmelsgebirges noch mehr als zuvor.

Milchstraße

Die Farbe Kirgistans

… ist viel mehr als ein grauer Schleier. Kirgistan ist enzianblau und fichtengrün, steppenbraun und sonnenuntergangsrot, ziemlich dunkel und doch in tiefster Nacht voll kleiner Lichter. Das Land war mir oft fremd und doch habe ich mich in den Bergen, ganz früh am Morgen allein am Fluss und mit Blick auf den Gletscher, plötzlich ein ganz kleines bisschen zuhause gefühlt. Doch man muss sich nicht zuhause fühlen, um die Farbe des kleinen Landes zwischen Tienschan und Pamir zu kennen: Bunt.

Mit den besten Grüßen und buntesten Wünschen für den Oktober,
Anna.

32 Kommentare zu „Die Farbe Kirgistans

Gib deinen ab

  1. Danke für diesen schönen und beeindruckenden Bericht. Ich habe mal ein paar Monate in Asien gelebt, und den „Kulturschock“ kann ich gut nachempfinden.
    Deinen fotografischen Blick mag ich sehr.

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Anna, ich bin tief beeindruckt von deinem Bericht, deinen Bildern und von dem landschaftlich wun.der.schönen Kirgistan.
    Es gehört zu meinen Wunsch Ländern, entstanden durch viele Reiseberichte, die ich gelesen habe.
    Ein Besuch dort wird ein Wunsch bleiben, aber durch dich und mit dir war ich jetzt wieder ein bisschen dort.
    Vielen Dank dafür 😊
    Liebe Grüße, Brigitte

    Gefällt 1 Person

  3. Eine sehr schöne Idee, sich einem Land farblich zu nähern. Gute Beobachtungen, schöne Beschreibungen – ganz im Sinne Humboldts: die Natur fühlen. Das einzige, was dem Uneingeweihten vielleicht fehlt, sind zwei Fotos: der Blick aus dem Inneren einer Jurte – und die Flagge Kirgistans. … schreibt einer, der das Land und Deine Eltern kennt. 🙂

    Gefällt 1 Person

  4. Oh ja, toller Beitrag, liebe Anna!
    Und Du zeigst viele Bilder, wie ich sie auch in Erinnerung habe. Ich selbst war 2005 für ein paar Tage in Kirgistan, allerdings nur kurz und im Norden (zu Fuß über die Berge, dann am Nordufer der Issyk Kol, später Bischkek und später bei Bischkek – immer bei Bekannten von Bekannten.
    In Bischkek wohnten wir bei zwei jungen Frauen, die in der jungen Bürgerbewegung aktiv waren – und sehr stolz waren auf die Demokratisierung des Landes, die uns aber auch über noch immer verbreitete üblere Traditionen wie Brautraub u.a. erzählten und die Oma einer Bekannten bewirtete uns mit dem wundervollstem Plow, bis wir uns nicht mehr rühren konnten.
    Lustigerweise habe ich heute angeregt durch einen Beitrag von Birgit (tontoeppe) selbst an meine Zeit am Issyk Kol denken müssen und habe soeben und außerhalb meines üblichen Blogrhythmus vier Bilder vom Nordufer des Issyk Kol eingestellt.
    Liebe Grüße
    Ines

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    1. Liebe Ines,
      vielen lieben Dank für deinen Kommentar!
      Deine Wander-/Reiseroute hört sich sehr spannend an! Deine Bilder des herbstlichen Issyk Kuls haben mir auch sehr gut gefallen.
      Wir haben natürlich auch einige Bekannte und Verwandte besucht und alle berichteten uns, dass es im Land nach wie vor Spannungen gibt. In der Zeit, als wir dort waren, gab es auch gerade Unruhen. Es bleibt abzuwarten, wie es weitergeht.
      Ich wünsche ein schönes Wochenende und sende liebe Grüße!

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  5. Ein spannender und vielfältiger Beitrag mit tollen Fotos. Faszinierend diese Weite und die beeindruckend hohen Berge und die verschiedenen Farben! Eine eher unbekannte Region für viele von uns, aber es ist sicher positiv, daß das Land nicht so überrannt ist. Das manches sehr anders ist, glaube ich gerne. Aber es ist doch immer gut, auch mal etwas ganz anderes kennenzulernen. Manches nimmt man mit, anderes lernt man zu Hause mehr zu schätzen. Um den Blick in diesen Sternenhimmel beneide ich dich sehr. Den kenne ich gerade noch aus meiner Kindheit hier, als es noch nicht so hell überall war. Das war sicher eine abenteuerliche Reise, die du in Erinnerung behalten wirst. LG, Almuth

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    1. Ach, liebe Almuth, vielen Dank!
      Über den Tellerrand zu schauen schadet nie 🙂 Und es stimmt natürlich auch, dass man zu schätzen lernt, was einem so alltäglich und gewöhnlich erschien.
      Der Sternenhimmel war wirklich wunderschön. Leider hatte ich vergessen, den Bildstabilisator der auf dem Stativ stehenden Kamera zu deaktivieren, sodass alle Bilder recht verwackelt wirken. Aber im Kopf sind die Bilder natürlich ganz scharf in Erinnerung geblieben 🙂
      Liebe Grüße!

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  6. Wow, wunderschöne Bilder! Das macht Lust auf mehr. Auch den Blick auf den Nachthimmel finde ich sehr beeindruckend. Leider habe ich es bisher noch nicht geschafft, die Milchstraße zu sehen. Vorletztes Jahr war ich in der Rhön und wollte mir dort im Sternenpark den Himmel anschauen. Leider war es entweder wolkig oder dann doch noch zu hell. Aber das steht ganz oben auf meiner Liste, was ich mir mal anschauen möchte.
    Dein Reisebericht macht jedenfalls richtig Lust darauf, das Land zu besuchen.

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    1. Ein großes Dankeschön für Deinen Kommentar!
      Hier in Deutschland hat man es ja wirklich nicht leicht, so einen Sternenhimmel zu Gesicht zu bekommen, aber die Rhön ist ja bekannt für ihren Nachthimmel. Ich hoffe, dass Du bald (nochmal) die Gelegenheit dazu bekommst!

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      1. Danke Dir 🙂 Mal sehen, wohin es mich als nächstes zieht. Vielleicht mal nach Skandinavien im Winter. Da ist es ja auch in vielen Teilen noch sehr dunkel. Und der Schnee wäre auch toll. Den haben wir im Rhein-Main-Gebiet ja leider fast nie.

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