Sommer in Skandinavien

Im Juli begann für mich eine knapp einmonatige Reise in den Norden, die ihren Beginn in Stockholm nahm. Nachdem ich dort einige wunderschöne Tage mit Freundinnen verbracht hatte, hieß es von da an ab in die finnische Wildnis. Mit dem Zelt im Kofferraum durchquerte ich mit meinen Eltern die endlosen finnischen Wälder – auf der Suche nach Trollen, Elchen und Freiheit.

Stockholm: Skansen

Ein Ausflug führte meine Freundinnen und mich in das älteste Freilichtmuseum der Welt, nach Skansen.

Neben historischen Höfen, Bauerngärten und schwedischem Handwerk erwarteten uns sämtliche Tierarten des Nordens, von Bartkauz bis Weißwangengans.

Region Turku: Finnische Westküste

Nachdem meine Eltern und ich mit der Fähre nach Turku gelangten, ließ die erste Vogelbeobachtung nicht lang auf sich warten: Ein Austernfischer spazierte gemütlich zwischen den Zelten umher.

Austernfischer
Besuch auf dem Campingplatz…

Am nächsten Morgen machte ich mich bei Sonnenaufgang (der im Norden während des Sommers ja bekanntlich sehr früh ist) auf den Weg, um einige Limikolen zu fotografieren. Zwischen Kiefern und Birken, in denen irgendwo ein Buchfink seinen Gesang vortrug, führte ein schmaler Pfad auf eine kleine, abgelegene Halbinsel. Durch die lichten Bäume erhaschte ich einen Blick auf die Versammlung von Kanadagänsen am Strand, die dort ihr Nachtlager hatten, wo tags zuvor einige Finnen noch um ein Lagerfeuer saßen. Im endlosen Schilf, das ich passierte, erhoben sich gerade ein Rehbock und eine Ricke von ihrer Nachtruhe, während aus der Ferne bereits die Rufe der Flussseeschwalben ertönten. Als die Sonne sich langsam über das Schilf erhob und auf der anderen Seiten der Halbinsel das wellenlose Wasser küsste, füllte sich das steinige Ufer nach und nach mit Besuchern. Angesichts der vielen Beobachtungen an diesem Morgen, begann ich zu verstehen, warum Vögel so ein wichtiger Bestandteil der finnischen Mythologie sind.

Eine weitere Nacht verbrachten wir bei Pori, direkt am Ufer der eisigen Ostsee und genossen die (nicht mehr durchgängig) weißen Nächte, während im Hintergrund der Gesang einer fröhlichen Truppe Finnen aus der Sauna drang.

Region Tampere: Seitseminen Nationalpark

Ein Zwischenstopp auf dem Weg in die Region um Tampere im Puurijärvi und Isosuo Nationalpark bezauberte uns mit seiner Abgelegenheit und Wildheit. Ein Seeadler kreiste hoch am Himmel, während wir am gemächlich fließenden, sich durchs Schilf schlängelnden Fluss picknickten und dem Konzert eines Schilfrohrsängers lauschten.

Temminkstrandläufer
Am Flussufer landeten zwei winzige Limikolen: Temminkstrandläufer. So schnell wie sie kommen, sind sie auch wieder verschwunden.

Bei Ikaalinen, unweit des Seitseminen Nationalparks, schlugen wir schließlich unser Zelt direkt am See auf. Seit unserer Ankunft in Finnland gab es keinen Tag, an dem das Thermometer nicht über dreißig Grad kletterte.  Denn während man sich abends lieber mit einer Decke mehr in den Schlafsack kuschelte, wurde man morgens vom unbarmherzigen Sonnenschein geweckt, der das Zelt in einen Backofen verwandelte. Umso schöner war es, direkt nach dem Aufstehen in den See zu springen und anschließend im milden Schatten der raschelnden Birken zu frühstücken.

Nach dem Frühstück tauchten wir endlich richtig in die finnische Wildnis ein. Eine Schotterpiste führte durch ein riesiges Moor, ein Kranich stand am Wegesrand. Moor-Kiefern uns Moosbeeren säumten den Weg. Bizarr wirkte diese Landschaft mit ihren kahlen Baumstämmen und dem wackeligen Gefühl, das sie in den Knien hinterließ, wenn man vorsichtig einen Fuß auf das weiche, nachgebende Gras setzte.

Moor
Wie eine Mondlandschaft erschien uns die Weite des Moors.

Schließlich gelangten wir an einen weiteren der unzähligen Seen, der still im Wald lag, in der Sonne glitzerte und das satte Grün der Birken und sanfte Blau des Sommerhimmels spiegelte.

Von diesem See aus begann unsere Wanderung. Auf zwanzig Kilometern Wegstrecke begegnete man keiner Menschenseele. Doch wir hofften auf etwas anderes: Einen Elch. Immer schmaler werdende Pfade führten uns durch den tiefen Wald. Überall lauerte ein Blickfang und manchmal ging meine Fantasie mit mir durch: Der Felsbrocken dort hinten – ein Elch! Das Moosgeflecht hier am Wegesrand – ein Troll! Gesehen haben wir schließlich keinen der beiden auf unserer Reise – aber sie waren da, das habe ich deutlich gespürt.

Statt des erhofften Elches sah ich Singdrosseln, Baumpieper und Grauschnäpper.

Müde, aber zufrieden, legte ich mich am Ende des Tages in meinen Schlafsack und – wie jeden Abend – schlief ich sofort ein und ohne einen einzigen unruhigen Traum bis zum Morgen durch. Wir gönnten uns einen Badetag am See, den wir uns mit den Singschwänen teilten.

Region Jämsä: Päijenne

Am nächsten Tag brachen wir in Richtung des Päijenne, dem mit 120 Kilometern Ausdehnung längsten See Finnlands, auf. Wie immer legten wir einen Zwischenstopp ein, dieses Mal im Isojärvi Nationalpark.

Anders als in Seitseminen war der Wald hier viel unterhozreicher, kleine Tümpel und sumpfige Flächen lockerten hie und da das Dickicht auf. Ich kämpfte mir meinen Weg durch Disteln und Unterholz, um einen Blick auf einen der kleinen Teiche zu erhaschen. Meinen Augen bot sich ein buntes Treiben von Grünschenkel und Bruchwasserläufern. Kreischend flogen sie über die Wasseroberfläche und ließen sich nur selten zwischen den Krickenten nieder, die, der Sonne scheinbar überdrüssig, nur langsam nach Futter suchten.

Grünschenkel
Auf einmal flogen mit aufgebrachten Rufen zwei Grünschenkel vorbei.

Weitere Tage verbachten wir mit einer Ruderboots-Tour, auf der wir eine kleine Insel erkundeten und ein sporadisch eingerichtetes Domizil entdeckten, dessen Grillplatz seinen ganz eigenen Charme versprühte.

Grillstelle
Das Grill stand auf der Spitze der kleinen Insel. Trotz des Sonnenscheins wehte dort ein rauer Wind.

Außerdem erkundeten wir im weichen Licht der ausgedehnten Dämmerung die abgelegensten Ecken in der Hoffnung auf den heiß ersehnten Elch – stets ohne Erfolg. Dafür begegneten wir hin und wieder Rehen und warfen einen Blick auf die stillen Seen.

Region Sysmä: Päijenne

Schließlich machten wir eine halbe „Seeumrundung“ und landeten in der Nähe von Sysmä, auf der anderen Seite des gigantischen Sees. Von dort aus unternahmen wir eine Wanderung, die uns endlich direkt an den See (und nicht nur an einen der etlichen vorgelagerten, kleineren Seen) führen sollte.

Unterwegs schlugen wir uns die Bäuche mit Blaubeeren voll und trödelten durch den Wald, der hier ein sehr sanftes Gesicht hatte. Hier begegnete man sogar hin und wieder einem anderen Wanderer. An einer Feuerstelle direkt am See legten wir eine kleine Pause ein, in der Ferne sah man einen Fischadler auf einem Felsen im Wasser sitzen. Wir hatten keine Eile und so schlug ich mir vom Wanderpfad aus immer wieder einen Weg durchs Unterholz zum Wasser, um nach dem Fischadler Ausschau zu halten. Dabei sah ich in einiger Entfernung einen Prachttaucher und, etwas näher am Ufer, einen Rothalstaucher.

Während wir gemütlich wanderten, überraschte uns aus heiterem Himmel ein Regenschauer. Da er sich so schnell nicht legen wollte, suchten wir zunächst Unterschlupf unter dem dichten Blätterdach am Ufer und beobachteten einige Gänsesäger, die ebenfalls dem Nass von oben entkommen wollten. Als die Regentropfen schon ihren Weg durch den grünen Blätter-Regenschirm gefunden hatten, hörte man eindeutige Schreie über dem See: Der Fischadler kam!

Nachdem wir noch einige Zeit unter einem Unterstand für Feuerholz ausgeharrt hatten, machten wir uns durch den erfrischten Wald auf den Rückweg.

Region Porvoo: Finnische Südküste

Unsere letzte Station war die Rückkehr zur Ostsee. Von einem Campingplatz bei Porvoo unternahmen wir Ausflüge nach Helsinki und in das Städtchen Porvoo selbst. Einige Wanderungen führten uns in vielversprechende Beobachtungsgebiete, die aufgrund der großen Hitze jedoch eher unbelebt waren. Eine kleine Bootstour ließ uns einen letzten näheren Blick auf die Schären werfen. Langsam neigte sich die große Reise dem Ende zu und wir blickten auf erfüllte Wochen zurück, erfüllt von Wildnis, Wald und Weite, erfüllt vom Singen und Rufen der vielen Vögel, erfüllt von Entdeckungen abseits des Weges. Erfüllung des Wunsches, Freiheit zu finden. An der spiegelglatten Ostsee bei Nacht, auf einer wilden Wiese am Fluss, mitten im dunklen Wald auf verschlungenen Pfaden, auf einem Felsen im klaren Wasser eines kleinen Bächleins, auf Seen, Inseln und Halbinseln, zu Fuß oder bei langen Fahrten – und an jedem Morgen, der im Zelt begann.

Zurück nach Hause…

… brachte uns schließlich eine Fähre von Helsinki nach Travemünde. Und während ich nun, vier Monate später, diesen Beitrag verfasse, freue ich mich noch einmal mehr an den Erinnerungen. Ebenso freue ich mich, dass Du diesen langen (und trotzdem unvollständigen!) Reisebereicht bis zum Ende durchgelesen hast. Auf dass wir alle noch viele, abenteuerliche, ereignisreiche Reisen erleben werden!

Liebe Grüße,
Anna.

16 Kommentare zu „Sommer in Skandinavien

Gib deinen ab

  1. Ach das war jetzt herrlich. Viel hast du erlebt und gesehen.
    Viele hier seltene Vogelarten geschnappt z.B. den Rothalstaucher.
    Schön, dass ich mit dir wandern durfte, liebe Anna.
    Ich hab als junge Frau eine Radtour durch Süd/Mittel Finnland gemacht
    und anschließend ein Inselhopping.
    Erinnerungen hast du geweckt an eine tolle Zeit.
    Lieben Dank für den fein bebilderten und geschriebenen Beitrag
    und liebe Grüße
    Brigitte

    Gefällt 2 Personen

    1. Dankeschön, Brigitte!
      Über den Rothals- und Prachttaucher habe ich mich auch sehr gefreut.
      Ich freue mich, dass ich Dich in diese Zeit zurückversetzen konnte! Das klingt ja auch nach einem tollen Abenteuer 😉
      Liebe Grüße,
      Anna

      Gefällt 1 Person

  2. Ein sehr schön bebilderter Reisebericht. Toll, was du alles gesehen hast und wieviele Tiere sich euch zeigten (auch wenn der Elch euch nur im Unterholz begleitet hat ;-). Deine Fotos sind ganz wunderbar! Die Bilder von diesem schönen See haben einen besonderen Zauber. Ja, auch ich bin gespannt auf deinen nächsten Bericht! Liebe Grüße, Almuth

    Gefällt 1 Person

    1. Dankeschön, Almuth! Ich freue mich, dass die Bilder diesen Zauber ein bisschen eingefangen haben und rüber bringen. Auch wenn es in echt noch schöner war😉
      Bis bald und viele Grüße, Anna!

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